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von Marie Donike

Wie viele Menschen hatte Raiko Sánchez (*1989) eine Kindheit. Trotz all der guten Vorsätze verschwimmen seine Erinnerungen daran. Das ist vielleicht nicht ungewöhnlich. Raiko möchte seine Erinnerungen aber behalten. Verblasste Fotos, wage Erzählungen, diffuses Vergessen der aufregenden, interessanten, schönen, bunten, leisen, lauten, konzentrierten, traurigen, glücklichen, kleinen Erlebnisse von vor einigen Jahren. Bilder aus einer vergangenen Zeit widerherstellen, nachzustellen und vor allem neu zu erzeugen, so arbeitet Raiko. Er visualisiert tiefe Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle auf unterschiedlichste Weise. Dafür bedient er sich diverser Materialen und Techniken.

Bewegung ist gesund. Nicht anhalten, nicht stolpern, flexibel bleiben, elastisch sein, physisch und psychisch, das ist am besten. Raikos Arbeiten sind in Bewegung, oft lassen sie ihm die Möglichkeit später Modifizierungen an ihnen vorzunehmen, sie sind selten fertig. Sie kommunizieren mit ihrem Gegenüber. Sie fordern ihr Gegenüber. Das kann manchmal frustrieren. Die Filzstiftkonstruktionen auf Papier verschiedener Spielgeräte (alle Ohne Titel, Maße variabel, 2016) wirken mitunter fragil, kaum zu betreten oder zu beklettern. Wer will sich schon wehtun? Ohne Anleitung traut sich vielleicht niemand auf die siebgedruckten Klettergerüste und Rutschen der Sammlung (29×42 cm, 2016). In X-ercise (MDF, Lack, Leder, Stahl, Fallschutzmatte, Maße variabel, 2015) kumuliert sich dieses hilflose Gefühl zu einem abstrakten Unbehagen. Erbaulicher wirken da die diverse[n] Haltegriffe (Papier, MDF, Stahl, Filzstifte, Lack, 250x150x11 cm, 2016). Die Zeichnung ist ein Stöbern in der schier unendlichen Welt von Raikos Haltegriffmodellen. Er selbst scheint sich an ihnen von einer Arbeit zur nächsten zu hangeln, von einem Ort zum anderen, von einem Spielplatz zum nächsten.

Spielplätze haben die Funktion, dass sich Kinder auf ihnen austoben können. Hier dürfen sie auch mal laut sein und machen, was sie wollen. Hier dürfen sie klettern, turnen, sich auspowern und abreagieren, entweder allein oder mit anderen Kindern zusammen. Je nachdem, was der jeweilige Spielplatz und das jeweilige Spielgerät für Freiheiten suggeriert. Aber natürlich gibt es Grenzen. Da, wo der Sandkasten aufhört und die Fallschutzmatte endet, da ist Schluss mit der Spielerei.
Der Spielteppich (bedruckter Teppich, 90×180 cm, 2016) wirkt behaglich. Er ist so eine Art Indoor Spielplatz auf beengtem Raum, zu Hause. Er ist weich und bietet Platz für ungefähr zwei spielende Kinder.

Spielplätze und -teppiche haben wohl ihre künstliche Begrenzung und ihre Festsetzung als Spielraum gemeinsam.
Raiko thematisiert mit seiner Arbeitsweise, der Formensprache und seiner Interpretation dieser Orte, ihrer Objekte und Akteur*innen elementar menschliche Gefühle. Es geht hier um Kindheit und Geschwisterschaft, es geht um Freiheit versus Einengung.